27.04.2011

Speeddating ist für viele Singles eine neue Möglichkeit, Gleichgesinnte kennenzulernen.

Sonntagabend. Kerzen brennen. Die zehn Tische vor der Bar sind präzise zurechtgerückt. Maike war pünktlich und jetzt sitzt sie auf einem Hocker direkt an der Wand. Ein Mojito steht vor ihr. Aufgeregt ist sie eigentlich nicht, obwohl es heute ihr „erstes Mal“ ist. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält sie einen roten Kugelschreiber. Ihm kommt eine besondere Bedeutung zu, denn er wird in der nächsten Stunde darüber entscheiden, ob sich zwei Menschen noch einmal wiedersehen werden oder nicht. Maike blickt neugierig in die Runde, dann zu ihrem Gegenüber. Als der Gong ertönt, beginnt sie zu flirten und sammelt erste Erfahrungen in Sachen Speeddating.

Mehrmals im Monat finden im Besitos in Stuttgart Speeddatings statt. Das Konzept ist einfach: mindestens sieben Männer und mindestens sieben Frauen haben jeweils sieben Minuten Zeit, sich kennenzulernen. Nach Ablauf der ersten Runde ertönt ein Gong. Die Singlefrau bleibt sitzen, der Mann rutscht einen Tisch weiter. Dabei macht sich das Event die wissenschaftliche Erkenntnis zunutze, dass bei einem Kennenlernen bereits die ersten Sekunden über Sympathie oder Antipathie entscheiden. Mögen sich zwei Singles, so können sie sich nach der Veranstaltung wieder sehen. Können sie sich nicht riechen, ist der Spuk nach sieben Minuten vorbei.

Heute hat Maike neun Männer zur Auswahl, der Termin war beliebt. Maikes erstes Gespräch fühlt sich noch ein wenig ungewohnt an. Ihr Gegenüber ist ein südländischer Typ und rein optisch nicht Maikes Geschmack. Seine Locken hat er mit viel Gel am Kopf befestigt. Als einziger Mann der Runde trägt er einen Anzug. Offensichtlich hat er sich fürs Speeddating gut vorbereitet und im Vorfeld kreative Fragen ausgearbeitet. „Nenne mir aus dem Effeff fünf Eigenschaften, die ein Mann für dich haben muss“, ist nur eine davon. Beim Speeddating will er nicht die große Liebe kennen lernen, er macht das Ganze aus reiner Neugierde. Maike und er unterhalten sich über seinen Beruf und ihr Studium. Gong. Don Juan rutscht weiter.

Der nächste bitte…

Nummer zwei trägt ein weißes T-Shirt und ist Maike bereits auf den ersten Blick sehr sympathisch. Er arbeitet im Vertrieb für Point-of-Sale-Systeme und ist 31 Jahre alt. Maike fühlt sich wohl, lacht viel, hält Augenkontakt. Was er erzählt, ist spannend und interessant. Wieder ertönt ein Gong, sieben Minuten sind vorbei. Bei Nummer zwei macht sich Maike kurz Notizen, bei ihm könnte sie sich vorstellen ihn wiederzusehen.

Nicht nur in Stuttgart verhilft die SpeedDating GmbH Singles zu Kontakten mit Gleichgesinnten. Seit fast zehn Jahren ist das Unternehmen nun erfolgreich am Markt, bietet seine Dienstleistungen in über 30 deutschen Städten an. Jährlich finden mehr als 300 Veranstaltungen statt, in denen über 4000 Singles in den Sieben-Minuten-Dates zusammengeführt werden.
Der Abend läuft gut, Maike hat sichtlich Spaß. „Ich habe mit Freundinnen schon so oft über das Thema Speeddating geredet, jetzt wollte ich es einfach einmal ausprobieren“, erklärt sie. Erst ein paar Tage zuvor hatte sie sich spontan übers Internet für den nächsten Termin in Stuttgart angemeldet, die Kategorie 22 – 32 Jahre gewählt und dann einfach alles auf sich zukommen lassen. Großartig vorbereitet hat sie sich nicht. „Über das Outfit habe ich mir Gedanken gemacht. Aber ich hab mir keine Fragen überlegt. Und ich bin auch komplett ohne Erwartungen her gekommen.“

Nur zum Spaß oder große Liebe

Nummer drei, der sich soeben an Maikes Tisch setzt, tickt offensichtlich anders. Er sucht hier die große Liebe. Der 29-jährige Ingenieur ist ein bisschen kräftiger, trägt ein gestreiftes Hemd. Er ist höflich, allerdings redet er zu viel von sich selbst. Maike fragt er nur selten etwas. Deshalb sammelt er bei ihr auch keine Pluspunkte. Ein Wiedersehen? Maike kreuzt „Nein“ an.

Gegenüber anderen modernen Arten der Partnersuche sind die Vorteile von Speeddating offensichtlich – und das wortwörtlich. Nach dem Prinzip „You see what you get“ können sich die Teilnehmer innerhalb weniger Minuten ein Bild von ihrem Gegenüber machen. Und nach sieben Minuten einfach weiterwandern, ohne nach Erklärungen oder Ausreden suchen zu müssen. Was Maike sehr überrascht, ist die unglaublich große Vielfalt an Typen und Charakteren. Rein optisch bietet zumindest die weibliche Fraktion für jeden Geschmack etwas. Und auch die männlichen Singles sind weit entfernt von übrig gebliebenen Muttersöhnchen. „Ich habe mit Freaks gerechnet, aber die Jungs hier sind alle echt normal“, stellt Maike überrascht fest.

Wieder Gong, Nummer vier setzt sich zu Maike an den Tisch. Er wirkt ernst, trägt einen grauen Rollkragenpulli und eine Nickelbrille. Maike schätzt ihn als sehr ehrlich ein. Beruflich programmiert er in Flash, darf in seinem Job auch kreativ arbeiten. Maike und er finden schnell Gemeinsamkeiten. Dass er heute hier gelandet ist, verdankt er einem Freund. Der sitzt gerade zwei Tische weiter und unterhält sich angeregt mit einer Blondine. „Nummer vier bekommt definitiv ein Ja“, ist sich Maike sicher, „ein sehr interessanter Mann.“

Die Zeit rast

Ab Nummer vier vergehen die Gespräche wie im Flug, wie sieben Minuten fühlt sich die Zeitspanne nicht an. Der nächste Gong ertönt. Während sich der große Ernste noch Notizen zu Maike macht, steht sein Nachfolger schon bereit. Im Grunde laufen die Gespräche alle ähnlich ab. Beruf und Alter werden abgefragt, ursprünglicher Wohnort, Hobbys. Über Beziehungen oder Beziehungsvorstellungen wird in den sieben Minuten nicht so häufig geredet. Trotzdem ist kein Gespräch wie das andere. Anderthalb Stunde später ist Maike beim letzten Kandidaten angelangt. Zu jedem hat sie sich jetzt kurz Notizen gemacht, den Überblick zu behalten fällt ihr schwer.

Dann der letzte Gong des Abends: das SpeedDating ist zu Ende. Zwei Teilnehmerinnen packen sofort ihre Taschen und gehen. Nummer vier verzieht sich mit Nummer sechs an einen Einzeltisch, wohl um den Abend nochmals zu überdenken und um Eindrücke auszutauschen. Eine Paarkombination bleibt nach dem Gong noch sitzen. Lange unterhalten sie sich angeregt, tauschen am Ende des Abends die Telefonnummern.

Auch Maike packt langsam zusammen. Zu Hause am Rechner wird sie den Abend noch einmal Revue passieren lassen, sich Gedanken machen, wen sie wieder sehen möchte und wen nicht. Sie wird angeben, dass ihr fünf Kandidaten sympathisch waren. Sie wird die Räumlichkeit positiv bewerten, wenn ihr auch die Geräuschkulisse einen Tick zu laut war. Und sie wird angeben, dass sie vom Speeddating äußerst positiv überrascht ist.

In den kommenden 48 Stunden werden alle Teilneher ihre Bewertungen am Rechner vornehmen. Nur wenn bei einer Paarkombination von beiden Seiten Interesse besteht, werden die Email-Adressen und Telefonnummern ausgetauscht. „Dienstagabend also“, denkt sich Maike. Dann wird auch sie wissen, wie sie bei den Männern ankam. Und vielleicht an einem der nächsten Sonntage mit dem Mann in dem weißen T-Shirt hier im Besitos sitzen, Mojito trinken und Singles beim Speeddating beobachten.

Autor: Sandra Göbel, Studentin Medienwirtschaft (Bachelor)