Retro-Frisuren, Retro-Klamotten, Retro-Musik, sogar Retro-Nummernschilder – kurz: Retromania. Zurückblicken ist absolut in. Auf Schritt und Tritt begegnen wir vergangenen Zeiten. Beim Styling, in den Charts oder auf der Autobahn mag das ja durchaus okay sein. Aber was ist, wenn man auch in der Liebe zurückblickt?

Das fängt schon bei den Büchern an, die man gelesen hat, als man jung war und zum ersten Mal verliebt. Meine ganz persönliche ‚Bibel’ damals hieß: „Der Tod des Märchenprinzen“. Wikipedia schreibt dazu: „[…] ein autobiographischer Roman von Svende Merian, der 1980 erschien und im Umfeld der bundesdeutschen Friedens-, Frauen- und Anti-AKW-Bewegung […] seinerzeit weite Verbreitung fand“.

Rebecca Schmidt

Rebecca Schmidt

Na ja, friedens-, frauen- oder AKW-bewegt war ich zwar nie wirklich, dafür sah ich aber total danach aus. Lockenmähne à la Flashdance-Ikone Jennifer Beals, riesige Ohrringkonstrukte, wahlweise lachsfarbene Latzhosen oder Leggins in Batikoptik, dazu Oberteile mit U-Boot-Ausschnitt und Fledermausärmeln.

Doch zurück zu Svende Merian – deren Name fast schon so retro anmutet, wie ihr Text: „Habe mich ein bisschen in Michi verknallt. Der keine Freundin hat. Nehme von Mivo Abstand, weil ich endlich was Vernünftiges will. Nicht wieder Zweitfrau sein.

[…] Mit Michi auf der Fete. Gespräche mit ihm und einem anderen Typen über China. Der andere Typ meint, dass Kommunismus Scheiße ist, weil in China die Frauen mit 26 noch Jungfrau sind. Wörtlich sagt er: ‚Du kannst mir doch nicht ´ne Frau anbieten, die mit 26 noch Jungfrau ist’.

‚Ich biete dir gar keine Frauen an’, sagt Michi.

Mir wird ganz warm. Ich flippe aus. Wie er das gesagt hat. Ein Mann, der Frauen ernst nimmt. Er geht mit mir nach Hause. Schläft mit mir. Ich finde es schön mit ihm. Bin total verknallt. Es stört mich nicht, dass ich wieder mal keinen Orgasmus gehabt habe und den Typen das gar nicht interessiert. Ich bin verknallt, das reicht mir.“

Und so weiter und so weiter – kein Wunder, dass da der Märchenprinz irgendwann stirbt. Als ich das Buch gelesen hab’, war ich auch verknallt – zum ersten Mal. Sex hatten wir aber nicht. Ob’s an dem Buch lag oder an meiner Vorstellung, der erste Sex müsse was ganz Besonderes sein …?!?

Als es dann aber endlich soweit war (mit einem anderen, ein Jahr später), hab’ ich nur gebetet: „Lieber Gott, lass das bitte nicht schon das Besondere gewesen sein!“. Und: ich hatte Glück – das Besondere kam noch … mehrfach sogar.

Märchenprinzen sind aber trotzdem gestorben … ebenfalls mehrfach. Man könnte sogar sagen: von der Liebeslandkarte sind bisweilen ganze Königreiche verschwunden, weil ihnen die Thronfolger abhandenkamen. Aber das hat auch sein Gutes. Der Blick schärft sich für das Wesentliche. Man weiß, was man will, wie man’s will und wozu.

Umso törichter erscheinen einem dann jene Momente, in denen man sentimental wird und zurückblickt. Man liest Briefe, die man früher tatsächlich noch per Hand geschrieben hat, findet selbstaufgenommene Kassetten und fragt sich, wo der Rekorder dazu abgeblieben ist – und: man ist so bescheuert und googlet den Namen einer dieser Märchenprinz-Relikte.

Und dann stellt man fest: der Typ ginge heutzutage im Märchen wahrscheinlich nicht mal mehr als Frosch durch; denn durchs Küssen würde seine Wampe nicht kleiner und seine Haare nicht mehr werden.

Wie gut haben’s da doch wieder mal die Männer. Wenn die nämlich nach ihrer ersten Liebe im Netz suchen, werden sie vermutlich erst gar nicht fündig – dem neuen, angeheirateten Nachnamen der Verflossenen sei Dank.

Aber auch ohne dies scheinen Männer in der Liebe viel weniger rückwärtsgewandt zu sein, als Frauen. Ob das in die Rubrik ‚Unfähigkeit’ oder eher ‚Souveränität’ fällt – keine Ahnung. Es mutet zumindest entspannter an – im Umgang mit dem, was mal war und was oft einfach nicht mehr zurückkommt.