„Sie lag da, er war in ihr und man hätte sagen können – ja, vielleicht sogar sagen MÜSSEN – dass sie wirklich gerade unfassbar guten Sex hatte.Doch plötzlich durchfuhr es Vicki. Das lag aber nicht daran, dass Sven soeben eine Stelle in ihrem Inneren erkundete, von der sie dachte, dass nur EIN Mann in der Lage war, diese zu finden. Und dieser EINE, der hatte die Stelle auch nur von Berufswegen her ausgemacht. Vicki war nämlich einige Jahre zuvor, während eines Hamburgaufenthaltes bei einem Frauenarzt gewesen. Und der hatte sie derart for-schend untersucht, wie sie es nie zuvor und auch nie wieder danach bei einem Gynä-kologen erlebte. Aber wie gesagt, es war nicht diese eine Stelle ganz hinten rechts,

Rebecca Schmidt
Rebecca Schmidt

der Sven – einem Goldsucher gleich – auf die Spur gekommen war. Vielmehr war es ein Gedanke, der da in ihrem Hirn hämmerte: ‚Du musst heute noch unbedingt eine neue Fußmatte im Baumarkt besorgen, bevor der zu macht!’.
War das zu fassen? Da gab es endlich seit Jahren – wenn nicht sogar seit ihrem ersten sexuellen Erlebnis überhaupt – einen Mann, der bei ihr wahrscheinlich das gefunden hatte, was man den G-Punkt nennt – und sie dachte an eine Fußmatte.
Aber Vicki war gefasst. Denn: sie kannte dieses unheimliche und – zugegeben – auch unpassende Auftauchen derart alltäglicher Gedenken beim Sex. Einmal zum Beispiel hatte sie an den Stundenzettel denken müssen, den sie noch bei Herrn Krüger aus der Gehaltsabteilung abgeben musste. Und dann stand er mit einem Male da, der Herr Krüger. Statt DEN Mann zu sehen, mit dem sie gerade intim war, hatte sie einen dürren Kerl vor Augen, mit schlecht sitzenden Hosen und blutleeren Spinnenfingern. Was Herr Krüger dazu wohl gesagt hätte?
Ein anderes Mal war es das Erinnern an eine Nachricht im Radio, das sie in die Bre-douille brachte. Wie aus dem Nichts war da auf einmal der Name der Schweizer Fi-nanzministerin, den sie nicht mehr los wurde. Eveline Widmer-Schlumpf. Dieses ‚Schlumpf’ brachte sie fast um. ‚Schlumpf, Schlumpf, Schlumpf’ – es zerrte so lange an ihren Lachmuskeln, bis sie ihm erlag. Sie lachte lauthals los. Ihr Gegenüber brachte das natürlich völlig aus dem Konzept, denn der war gerade dabei an seiner B-Note zu feilen – Haltung, Ausdruck, künstlerische Darbietung …“
Ich denke, so würde es beginnen: mein Buch über die Irrungen und Wirrungen einer Frau, Ende Dreißig, Akademikerin, leidenschaftliche Affärensammlerin und dennoch immer in der Hoffnung, endlich DEM Einen irgendwann über den Weg zu laufen.
Aber wie soll ihr das gelingen, wenn ihr derart krude Gedanken selbst beim leiden-schaftlichsten Sex noch durch die Rübe spuken? Fakt ist: das klappt auf keinen Fall, wenn man dann auch noch über das gerade Gedachte spricht. Weder inneneinrichtsungsrelevante Besorgungen, noch andere Männer – mögen sie aus der Gehaltsabteilung oder aus Schlumpfhausen sein – sind das richtige Gesprächsthema beim Sex.
Wobei sich die Frage an dieser Stelle geradezu aufzwingt: wie steht’s denn generell um’s Reden in solchen Situationen? Antwort: eher schlecht.
Wenn’s nach mir ginge, müsste in Schlafzimmern neben dem Bett ein Buzzer stehen. „Was denkst du gerade?“ – määääääp … klarer Fall von Buzzer drücken. „Wie war ich?“ – määääääp … die Hand will dieses Ding gar nicht mehr los lassen. „Warum liebst du mich?“ – määääääp, määääääp, määääääp!!!
Und weil jenseits dieser No-Go-Fragen, auch der Dirty-Talk so eine Sache ist („Boa, du hast so unglaublich dicke Dinger, du geile Stute, du!“ – kreisch), sollte man sich vielleicht zurückziehen auf die guten alten Vokale. „Aaaaa!“ und „Ooooo!“ stehen da ganz hoch im Kurs. Wer ein „Iiiii!“ hört, macht gerade was falsch.
Insgesamt halt’ ich es lieber mit dem deutschen Volkslied ‚Die Gedanken sind frei’:
„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten.
Sie fliegen vorbei, wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen.
Es bleibet dabei: die Gedanken sind frei.“