„Selbst, wenn ich runtergehen wollte, was sagt dazu mein Terminkalender?

4.00 Uhr: Schwelgen im Selbstmitleid. 4.30 Uhr: Starren in den Abgrund. 5.00 Uhr: Den Hunger in der Welt beenden und es nicht weitersagen. 5.30 Uhr: Jazzjogging. 6.30 Uhr: Dinner mit mir! Das kann ich nicht schon wieder absagen! 7.00 Uhr: Ringkampf mit meinem Selbsthass.

Ich bin ausgebucht! Wenn ich den Selbsthass auf 9.00 verschiebe, komme ich noch rechtzeitig ins Bett, um an die Decke zu starren und langsam weinerlich zu werden. Aber, aber, was zieh‘ ich nur an?“*

Tja, bei den einen ist es wie beim Grinch: sie haben zum Feiern von Weihnachten einfach keine Zeit bzw. ein Klamottenproblem. Bei den anderen ist es aber noch viel ärger: sie haben ebenfalls ein Klamottenproblem, aber zum Feiern werden sie erst gar nicht eingeladen! Die Frage nach der passenden Textilaufmachung dürfte dabei allerdings meist nicht das eigentliche Problem sein.

Rebecca Schmidt
Rebecca Schmidt

Weshalb manch einer – speziell als Single – das Fest Liebe allein verbringen muss, kann ganz andere Gründe haben. Drei davon sind ganz entscheidend!

Grund 1: Keiner der Freunde und Bekannte hat mehr Bock auf die alljährlichen Attacken der Singles auf den Weihnachtsbaum. Ausgezehrt nach Nähe und Zärtlichkeit stürzen sich manche Lonely Hearts nämlich wie wild auf den mühevoll geschmückten, kleinen Kerl und frönen dem Tree-Hugging, also der Baumumarmung.

In ihrer Einsamkeit haben diese Singles nämlich das gesamte Jahr in irgendwelchen Volkshochschulkursen rumgelungert und gelernt, dass beispielsweise durch die Sheng Fui-Übung** ‚Den Baum umarmen’, die Energiebalance zwischen Himmel und Erde wieder in Einklang kommen kann. Dass das zu Weihnachten allerdings in anderer Leute Wohnzimmer weniger gut kommt – dies zu erwähnen, vergessen VHS-Kursleiter scheinbar leider nur allzu oft.

Grund 2: Die Paare, bei denen man eingeladen ist, stehen nicht auf typische Single-Geschenke wie: Traumprinzen- oder Traumprinzessinnen-Knete. Wenn da nach dem Weihnachtsgans-Essen beim anschließenden Kreativ-‚Bodyforming’ irgendwas schief geht, weil die Darstellung ihrer Reiterhosen oder seiner Bierwampe nur allzu realistisch ausgefallen ist … oh, oh!

Grund 3: Wer sich als Langzeit-Alleinstehender derart nach Zweisamkeit sehnt, dass es einen schon freut, vom Paarungsinteresse anderer an anderen zu berichten, der sollte sich davor hüten, dies ausgerechnet bei Ehepaaren kund zu tun. Sitzt man zum Beispiel beim Weihnachtsschmaus mit Uschi und Jürgen und sagt: „Hey, Jürgen, weißt Du eigentlich, dass die Gaby aus der Logistikabteilung voll auf dich abfährt? Das hat sie mir erst kürzlich noch in der Kantine gesteckt!“, dann ist klar, dass für Jürgen das Weihnachtsfest ab diesem Zeitpunkt gelaufen sein dürfte. Zumal, wenn besagte Gaby noch am Tag zuvor mit säuselnder Stimme bei Jürgen zu Hause anrief, Uschi das mitbekommen hat und Jürgen das natürlich alles völlig harmlos abgetan hat.

Also ist die Frage: Was hilft bei soviel Single-Unzulänglichkeit? Die Antwort lautet: „Similia similibus curentur!“ – „Heile Gleiches mit Gleichem!“.

Man geht entweder am 23.12. zu einem SpeedDating und trifft dort noch kurz vor dem Fest sein ganz persönliches Christkind oder aber man nimmt sich ein bisschen Zeit, stellt sich im Supermarkt in die Nähe der Kassen und beobachtet. Man schaut sich die Leute an und checkt, was bzw. wieviel sie einkaufen. Singles erkennt man dabei ziemlich schnell.

Dann braucht man noch `ne gehörige Portion Mut und spricht den- oder diejenige an. Und je nach dem, wo ich mich auf die Pirsch begebe – im Discounter, im Biosupermarkt oder im Feinkostladen – kann ich auf diese Weise sogar ein bisschen mitentscheiden, in welche Richtung das Weihnachtsessen geht, zu dem ich dann wahrscheinlich am nächsten Tag eingeladen werde.

* ‘Der Grinch’ (Originaltitel: ‘How the Grinch Stole Christmas’), USA, 2000.

** Das ist kein Schreibfehler! Sheng Fui ist sowas wie die ältere Variante von Feng Shui und gehört nicht in die Rubrik Schweinkram, wie man aufgrund des Namens vielleicht vermuten könnte. Obwohl: womöglich liegt das mit dem Schweinkram im Auge des Betrachters, denn das (P)Fui im Sheng steht für das Symbol der Liebesmacht und der Wollust.