„Es wäre wenig in der Welt unternommen worden, wenn man immer nur auf den Ausgang gesehen hätte.“* Dieser Satz stammt aus Deutschlands erstem bürgerlichem Trauerspiel. Worum es bei dieser Nummer geht, lässt der Name schon erahnen: Hinz und Kunz (stellvertretend für das Stichwort ‚bürgerlich’) kämpfen mit diesen und jenen Problemchen und das Ganze trägt die Überschrift ‚Trauerspiel’.

Damals – im 18. Jahrhundert – als Gotthold Ephraim Lessing das erste Stück dieser Art rausbrachte, war jene Form der

Rebecca Schmidt

Rebecca Schmidt

Tragödie in Deutschland neu. Heutzutage hat man den Eindruck: das bürgerliche Trauerspiel lauert schier an jeder Ecke. Frustrierte Paare praktizieren frustigen Sex, manch einer spricht mit seinen Kollegen auf der Arbeit mehr, als mit seiner Familie zu Hause und wehe dem, der dann noch erkennt, dass er nicht das Leben führt, von dem er vielleicht mal geträumt hat.

Tja, und dann kommen Menschen eben auf die glorreiche Idee, neu anzufangen. Äußerst beliebter Zeitpunk dafür ist der Beginn eines jeden Jahres. Aber nicht lange und schon sind viele von ihrem ganz persönlichen Neuanfang bereits wieder enttäuscht. Man hat den alten Versuchungen nur viel zu kurz standgehalten, war nicht konsequent genug oder wird plötzlich von der Erkenntnis gebeutelt: der Neustart ging völlig in die falsche Richtung.

Was aber, wenn man dann die Gelegenheit dazu hätte, noch mal an den Anfang zurückzugehen und erneut zu starten? Beim Golf spielen geht das und zwar nennt man das dort ‚Mulligan’. Wer einen völlig missglückten ersten Schlag hatte, der bekommt mit einem Mulligan die Chance den allerersten Abschlag einer Golfrunde zu wiederholen.

Woher der Ausdruck ‚Mulligan’ stammt, dazu gibt es die unterschiedlichsten Aussagen. Am besten gefällt mir dabei die Geschichte über den schottischen Schafhirten Ian Allister Mc Mulligan. Der soll in den Anfängen der Golfbewegung mit seinem Hirtenstab auf einen großen Knödel aus Schafskot eingedroschen haben. Weil’s den Knödel bei dieser Aktion allerdings zerlegte, bat Mc Mulligan um einen erneuten Versuch. Die Bezeichnung ‚scheiß Spiel’ bekommt bei der Anekdote also mit einem Mal eine ungeahnt wörtliche Bedeutung.

Aber bringt es das wirklich? Mit Sch… spielen? Nun, den Mist in unserem Leben aufzuspüren, dürfte nicht allzu schwierig sein. Aber diesen Mist dann auch noch schlagenderweise durch die Gegen zu pfeffern? Das gibt doch bestimmt nur hässliche Flecken und es stinkt. Und mal ganz ehrlich: eine Garantie, dass es bei einem erneuten Start besser wird, die gibt’s nicht wirklich!

Sollte man einen missglückten Auftakt nicht vielmehr als Herausforderung betrachten?!? Mit `ner guten Vorlage weitermachen, kann jeder. Aber mit miesen Karten, das Blatt noch zu wenden – das ist cool.

Nehmen wir Harry und Sally aus dem gleichnamigen Hollywood-Streifen. Da heißt es: „Das erste Mal, als wir uns trafen, haben wir uns gehasst.“

„Du hast mich nicht gehasst, ich habe dich gehasst. Bei unserer zweiten Begegnung hattest du mich schon vergessen.“

„Das ist nicht wahr, ich hab mich an dich erinnert. Als wir uns zum dritten Mal trafen, sind wir Freunde geworden.“

Und weitere gefühlte einhundert Treffen später sind Harry und Sally schließlich und endlich ein Paar!

An der Aussage: „Es wäre wenig in der Welt unternommen worden, wenn man immer nur auf den Ausgang gesehen hätte“ scheint also durchaus was dran zu sein und manchmal wird ein Fehlstart sogar als Glücksbringer betrachtet. Auf den berühmten Brettern, die die Welt bedeuten nämlich, gilt eine misslungene Generalprobe als Garant für eine gute Aufführung.

Also: Vorhang auf für 2013! Mag das neue Jahr mit einem gelungenen Auftakt starten oder aber vielleicht auch mit einem Fettnapf, wie jenem, in dem Richard Burton schwamm, als der zum ersten Mal seiner großen Liebe Liz Taylor über den Weg lief. Damals soll Burton zunächst gesagt haben: „Sie sind ein sehr hübsches Mädchen“ – um gleich danach im zweiten Satz nachzuschieben: „Sie sind ganz schön fett“.

* aus: ‚Miss Sarah Sampson’ (1755), „Ausgang meint in diesem Zusammenhang: Beginn