Was treibt eigentlich eine kinderlose Singlefrau (in diesem Fall: meine Wenigkeit), in ihren angeblich ‚besten’ Jahren, an einem Samstagmorgen – wenn sie vermeiden will, glücklich verliebten Paaren beim obligatorischen Wochenend-Shopping zuschauen zu müssen? Sie sitzt unter Umständen zu Hause an ihrem Rechner und googelt Dissertationsthemen zum Stichwort ‚Partnersuche’.

Und siehe da: ein Meer vermeintlich hochintellektuell bis pseudowissenschaftlich an-mutender Überschriften tut sich da auf. Unter Angaben wie „Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier“ oder „Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier gemäß DIN

Rebecca Schmidt

Rebecca Schmidt

ISO 9706“ stoße ich auf Titel, die mir zu denken geben. Im Angebot wäre da beispielsweise die Arbeit über
„Soziale Kognitionsprozesse bei der Partnerwahl“ – Untertitel: „Der Einfluss von Prototypen auf die Wahrnehmung und Beurteilung potentieller Partner“. Erschienen ist das Ganze im Verlag Dr. Kovač.

Hieß so nicht der Chefarzt der tschechischen Serie „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“? Ach nein, das war ja Dr. Sova, der Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre in der chirurgischen Abteilung eines Provinzhospitals außer mit inaktiven Nieren und Milzrissen, auch mit gebrochenen Herzen zu kämpfen hatte.

Herrje, wenn bei mir allein schon der Name des Verlags, bei dem die Doktorarbeit erschienen ist, derart heftige Kapriolen in meinem bisschen Hirn auslöst – was wird da wohl erst das Lesen des gesamten Textes mit mir anstellen?

Ich beschließe, dass ich bei meiner Partnerwahl weder kognitiv gesteuert bin, noch, mich auf irgendwelche Prototypen versteife. Denn – wer will schon gerne zugeben, dass die Typen, auf die man regelmäßig abfährt, in die Abteilung ‚Proto’ – also vorläufig – gehören?! Das würde ja bedeuten, dass ihn nie finde – den einen, der auch dann noch bei mir bleibt, wenn ich eines Tages schwerkraftmäßig derart außer Form geraten bin, dass ich womöglich nur noch mittels gestaltgebender Dessous verdeutlichen kann, wo bei mir vorne und hinten ist.

Da beschäftige ich mich doch lieber mit der Überlegung: „Hochattraktiv oder nur nicht unattraktiv: Was zählt bei der Partnerwahl? Vermeidung von Unattraktivität – ein negatives Attraktivitätskonzept?“. Alle klar? Ich gestehe: Bei mir zunächst nicht – zumindest nicht im ersten Moment. Aber ich mach’s einfach wie beim Krimi lesen – studiere den Anfang und gleich danach das Ende des Textes und komme zu dem Schluss, dass ich Folgendes verstanden hab’: Es gibt extrem attraktive Leute, mittel-mäßig aussehende (das ist übrigens die Mehrheit) und Leute mit `ner optischen Arschkarte. Okay, soweit nix Neues!

Aber spätestens bei der Erkenntnis: „Unattraktivitäts-Vermeidens-Tendenz“ schlägt „Attraktivitäts-Präferenz-Modell“ werde ich hellhörig. Laut der Verfasserin dieser Doktorarbeit scheint es nämlich von größerer Bedeutung zu sein, Personen mit unattraktiven Merkmalen zu meiden, als solche mit hochattraktiven Merkmalen zu suchen. Und warum ist das so? Weil beispielsweise eine Mastoptose oder man könnte auch schlicht sagen, ein erschlaffter Busen, von Männern aus zweierlei Gründen als unattraktiv eingeschätzt wird. Zum einen, weil’s nicht so dolle aussieht und zum anderen, weil das als ein Zeichen für den Verfall von Jugendlichkeit und eventuell vorausgegangener Schwangerschaften gewertet wird. Dies wiederum bringt das Ansinnen des Mannes – sich und sein fantastisches Erbgut zu reproduzieren – in Gefahr und deshalb die Nummer mit der Vermeidung dessen, was von ihm als unattraktiv eingestuft wird.

Fragt sich jetzt noch, weshalb bei alledem extrem Gutaussehende auf dem sich mun-ter drehenden Partnerwahl-Karussell, aber nicht eklatant erfolgreicher abschneiden, als optische Mittelfeld-Spieler. Ganz einfach: Unser Urteil über das, was wir als ‚hässlich’ oder zumindest ‚unattraktiv’ einstufen, scheint wesentlich eindeutiger und übereinstimmender zu sein, als das, was wir unter ‚Schönheit’ verstehen.

So würden sich beispielsweise etliche Single-Damen laut einer Studie den rechten Arm ausreißen, könnten sie dafür einmal mit dem schönen Brad Pitt oder dem göttlichen George Clooney ausgehen. Bei mir allerdings rangiert keiner der beiden Herren auch nur annähernd in der Dating-Selbstverstümmelungs-Kategorie.

Und so komme ich nach einem lehrreichen Samstagvormittag zu der Erkenntnis, dass an dem Spruch ‚Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters’ wohl mehr dran ist, als ich bisher immer dachte; und dass es inzwischen wahrscheinlich auch spät genug ist, um in der Stadt nun nicht mehr auf diejenigen zu treffen, die eh schon vergeben sind. Denn die sitzen mittlerweile zu Hause in ihrer Pärchenwohnung, um sich beim Pärchenmittagessen verliebt in die Augen zu schauen, die sie dann beim gemeinsa-men Pärchemittagsschlaf zufrieden schließen.

Und das heißt für mich: freie Bahn; denn laut Statistik liegen die Chancen einer Kontaktanbahnung während des Einkaufens an einem Samstagnachmittag wesentlich höher, als in der Woche.